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Abgeflogen:Angekommen (Eine Retrospektive)

Jeden halbwegs politischen Menschen sollte es alarmieren, wenn man auf einem Interkontinentalflug plötzlich ohne sein gewohntes Staatsoberhaupt unterwegs ist. Nicht, dass der Präsident immer dabei sein sollte. Aber zu wissen, dass ein Bundesratspräsident Bundespräsident Kommissar Seehofer jeden Moment den Befehl geben könnte, die 767 von Frankfurt nach Jersey, Abflug 11:05, abzuschießen, lässt noch mehr zu wünschen übrig, als jede gute Fee. Diesem Mann traue ich alles zu.

Zum Glück konnte ich nur ahnen, dass der gute Christian das gesunkene Schiff verlässt, als die Anschnallgurtzeichen längst leuchteten, ich vorschriftsmäßig den Airplane-Modus im Handy eingeschaltet, und der sympathische Russe vor mir trotz Verbots bereits seinen Sitz nach hinten geklappt hatte. Und ohne eindeutige Quellenlage glaubt ein Journalist schließlich alles solange es zur These passt nichts: Deshalb war ich unwissend vollkommen beruhigt – obwohl mein Präsident am Karnevalsfreitag bereits seinen persönlichen politischen Aschermittwoch feierte.

Nun, da ich jeden zufälligen Leser vertrieben haben sollte, zu den Fakten:

Der Flug dauerte achteinhalbstunden. Circa achteinhalbstunden davon hatte mein Vorsitzer seine Rückenlehne theoretisch auf meinen Knien geparkt. Doch ich sollte Glück haben: Die von mir bereits erwartete rumänische Frauenkugelstoßergruppe sollte ihren Zug vom Schweißtraining in Idar-Oberstein nicht mehr erreichen, weshalb ich eine ganze Sitzreihe für mich alleine hatte. Deshalb konnte ich in  die Mitte wechseln. Ich habe Drive geschaut. Und über Sheldon gelacht. Und mich über die ersten zwei Folgen vom amerikanischen „The Office“ geärgert, weil ich mir mehr Ricky Gervais-Einfluss davon erhofft hatte.

Irgendwann habe ich dann festgestellt, dass die Amerikaner anscheinend ganze Kakao-Seen angebaut haben. Diese Füchse:

Einmal angekommen habe ich mich zum Glück nur eine halbe Stunde neben maulende deutsche Backpack-Rentner stellen müssen, denen die 6000-Personen Schlange in der Landehalle von New Jersey nicht gepasst hat. Relativ schnell ging auch die Kontrolle, obwohl ich einige Fragen beantworten musste, warum ich denn so lange bleibe. Natürlich konnte ich den Kontrolleur wahrheitsgemäß davon überzeugen, dass ich mir Harvard, Brown und Princeton für ein Aufbaustudium unbedingt aus der Nähe anschauen muss.

Nach New York City kommt man von Jersey übrigens relativ einfach mit dem Air Train. Der fliegt leider nicht, bringt einen aber schwebebahngleich zu einem relativ normalen Zug, in dem bärtige Schaffner mit überdimensionalen Mützen fröhlich mein Ticket mopsen um es innerhalb von einer Sekunde zu zerreissen. Ich weiss bis heute nicht, wo ich mit diesem Kärtchen hätte hinfahren können, wenn der Schaffner es mir nicht entwendet hätte. Vermutlich bis ins Oval Office.

Statt nach Washington ruckelte der Zug zunächst aber durch Industrievororte, von der berüchtigten Skyline der schlaflosen Stadt hatte ich bis dahin nur aus dem Flugzeugfenster einen Hauch erahnen können. Das machte jedoch das Überraschungsmoment umso größer, als ich mit meinem Koffer aus der Ubahn stolperte und mitten in Midtown Manhattan stand. Von der Station direkt neben dem Madison Square Garden habe ich dem Moment kaum etwas wahrgenommen, was aber auch an dem sehr deutschen, sehr jungen Pärchen lag, was mich direkt um ein Foto gebeten hat. Gefragt, getan, gestaunt. Nicht über das Pärchen, sondern über die Häuserschluchten, die sich links, rechts, vor und hinter mir auftaten. Verstanden habe ich das alles in diesem Moment nicht: Vielleicht lag es an meiner Müdigkeit, vielleicht am schweren Koffer – so richtig gefreut habe ich mich darüber gar nicht. Ich fühlte mich überfordert und versuchte zur Ablenkung ein Taxi anzuhalten. Bis mich einer nach Brooklyn fahren wollte (it´s the law) hat es aber eine Weile gedauert.

Doch auch hier: Verwirrung. Mein Fahrer hupte mehr als das er fuhr, die Auffahrt zur Brooklyn Bridge nahm er mit solchem Schwung, dass mein Kopf die Decke knutschte – es fühlte sich alles an, wie in einem Traum.

Mit einigen Umwegen habe ich mein Ziel dann aber erreicht:

Nicht ganz eine Stunde, nachdem ich meinen Koffer ausgepackt hatte, habe ich schon geschlafen. Und erst als ich aufwachte, bemerkte ich richtig, dass das alles kein Traum ist. Sondern bloß: traumhaft.