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Gefangen im schwarzen Loch

Ich komme ständig zu spät. Ich unterschätze Fahrtstrecken, überschätze den Fahrplan und die Taktung und sehe Verbindungen auf meinem kleinen Offline-Subway Bildschirm wo keine sind – oder zumindest nicht, wenn ich da gerade zufällig vorbeikomme. So bin ich zum Umzugshelfen eine bequeme Stunde zu spät gekommen, peinlich, peinlich. Der Umzug hat zum Glück auch ohne mich nur zehn Minuten gedauert, das drückte mein Schuldgefühl etwas.

Zu einem Recherchetermin bin ich eine halbe Stunde zu spät erschienen, was mein Glück war, weil ich dann nur eine halbe Stunde auf meine Gesprächspartnerin warten musste, die noch „schnell“ was erledigen war. So konnte ich immerhin schon mal schreiende Kinder-Atmosphäre fürs Radio sammeln und ungestört rumschnüffeln. Gut war das.

Doch manchmal will mich die MTA, das New Yorker Subway-Unternehmen, das furchtbar furchtbare Eigenwerbung schaltet, auch einfach verarschen. So etwa am ersten wirklich schönen Abend, den ich mit meinem Buch im Central Park nach der Arbeit ausklingen lassen wollte. Pustekuchen: Die freundlich sonore Männer Frauen Roboterstimme teilte uns mit, was uns erwartet: „Skclpgjnnfjjnnjfböböööbösaksjfksfjfklskfjlkppbbüpüp“ (Frei übersetzt, denn man versteht wirklich gar nichts von den Durchsagen: „Wir können nicht weiterfahren. Da steht ein Zug vor uns. Schade“) Den Sonnenuntergang habe ich dann mit genervten New Yorkern in einem dunklen Tunnel verbracht, während rechts und links von uns die „Local“-Züge (also die Züge, die öfter halten) an unserem „Express“-Train vorbeigezogen sind. Eine Stunde lang. Aber so eine Wartezeit lässt sich natürlich prächtig nutzen.

Dafür etwa:

Reading like a Washington

Reading like a Washington

Liest gerade die Constitution auf dem Kindle

Liest gerade die Constitution auf dem Kindle

Einfacher ist das bei Leuten, die sich nicht mehr bewegen wehren können:

iLincoln oder das Foto von dem Typen, der sich unbedingt selber fotografieren musste

iLincoln oder das Foto von dem Typen, der sich unbedingt selber fotografieren musste

Doch zurück in den Schacht. In dem stand ich nämlich auch noch mal anderthalb Stunden und zwar wieder auf dem Weg zu der Recherchepartnerin vom ersten Mal. Dabei war ich extra eine Stunde früher losgefahren um ja nicht zu spät zu kommen. Hat nicht so gut funktioniert. Mein Glück: Die Eltern, die ich interviewen wollte, saßen in dem selben Zug, deshalb sind wir etwa gleichzeitig angekommen. Das Karma hat mich also nie wirklich richtig hängen lassen.

Dafür habe ich mich dann auch gestern bedankt und mein Konto der guten Taten reichlich gefüllt. Denn die Frau vor mir am ATM  verließ die Bank genervt und hinterließ mir ihre 60 Dollar. Die spuckte der Automat aus als sie längst raus war und ich meine Karte aus meiner achsopraktischen Plastikhülle rausfriemelte. Ich bin ihr natürlich hinterhergerannt (ich wollte schon immer mal mit Geldscheinen jemandem hinterherwedeln) und erreichte sie sogar noch bevor sie von der Nach-der-Arbeit-Rush-Hour-Masse verschluckt wurde. „Oh.“, sagte sie. „Thanks.“ Nunja. Beeindruckt geht anders. Aber war auch direkt an der Wall Street, die 60 Dollar kann man hier bestimmt irgendwo auch für einen Kaffee ausgeben. Peanuts. Und ich Muppet bin ihr auch noch hinterhergejagt.

Doch zurück in den Schacht: Ich hätte ja schon häufig furchtbar schlechte Laune in diesen stinkig-kalten Waggons bekommen, wäre meine Musik nicht so wahnsinnig gut und die Stationen so voller toller Sachen.

Die zwei Jungs hier zum Beispiel:

direkt Dadadaaaaaaahdödöödööööö

Etwa an jedem dritten Pfahl hängen Papierschilder mit der Aufschrift „Wet Paint“. Anscheinend bin ich in eine Zeit voller Farbkorrekturen geraten. So richtig sehen kann man das nicht, aber dafür sind ja die Schilder da. (An dieser Stelle ein Witz: Will sich eine Oma auf eine Bank setzen. Kommt ein Jogger vorbei und ruft: „Achtung, die ist frisch gestrichen.“ Die Oma versteht nicht richtig und fragt: „Wieeeeee?“ – „Grün!“ . Ha,ha,ha!)

Jedenfalls kann man mit diesen Schildern tollen Schabernack anstellen:

Everybody look at my cause I'm hanging on a pole

Everybody look at my cause I'm hanging on a pole

Fein getrollt

Fein getrollt

Wenn man also bloß fröhlich genug durch diesen U-Bahn-Wahnsinn wandelt, ist das alles halb so ätzend. Oder um es so zu sagen:

0 Robota

Nimmt das, ihr Stahlraupenroboter.