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Merkwürdige Menschen

Drei Anekdoten aus der großen Stadt:

Bei meinen alten Schuhen labberte die Sohle bei jedem Schritt und nachdem ich zum zweiten Mal fast die Treppe raufgestürzt bin, wanderte ich irgendwann den Broadway Richtung Union Square hoch, auf der Suche nach einem Schuhgeschäft, zwecks neuer Beschlagung.

Weil sich in mir bei dem Überangebot an Starbucksen (das klingt nach einem vernünftigen Plural) inzwischen eine leichte Kaffeesucht breitgemacht hat (danke für die Erblast, Vadder), stoppte ich in einem Starbucks. Ein recht kleiner Laden war das, außer mir saßen zwei Leute an einem Tisch in der Ecke, minding their own business. Als ich gerade bestellen wollte (phonetisch etwa: grand-ey latt-ey) drängelte sich ein Mann an mir vorbei. Nicht aus Arroganz, eher als ob er mich gar nicht bemerkt hätte.

Weil ich nicht in Eile war nickte ich der Bariste nur zu, die dadurch merkte, dass sie ruhig den Mann bedienen konnte ohne einen Aufstand von dem weißen Typen da befürchten zu müssen. Der Drängler bestellte auch sogleich und friemelte währenddessen die quadratische Trinkgeld-Box zu sich hin, die außerhalb des Sichtfeldes der Starbucks-Kellnerin lag. Normalerweise sind diese Boxen bis auf den Schlitz oben geschlossen – aus gutem Grund wie ich nun merkte. Diese war es nicht.

Ich räusperte dem Mann leicht in den Nacken.

Er erschrak.

Der hatte mich tatsächlich gar nicht wahrgenommen, so fokussiert war er in seinem Plan, die paar Dollars aus der Trinkgeldkasse abzuziehen. Ich war mir nicht sicher, ob er nur das Geld, oder genau damit dann den Kaffee bezahlen wollte.

Er drehte sich um, starrte mich an und nuschelte plötzlich etwas von, „decision, overthink, not yet, another order“ und machte einen Schritt zur Seite. Ich bestellte, halb belustigt, halb verwirrt. Eigentlich wollte ich ihm anbieten, seinen Kaffee zu bezahlen, damit er nicht klauen muss – aber aus der Trinkgeld-Kasse zu stehlen fand ich dann doch so mies, dass ich es gelassen habe. Denn selbst (oder sogar gerade?) bei Starbucks sind die Leute auf die paar Extra-Dollar angewiesen.

Er hat es dann noch einmal versucht, ich stand inzwischen auf der anderen Seite, aber mit genauso gutem Blick auf seine Finger, die nach der Box tasteten. Doch bevor ich was sagen konnte, ging die Tür auf und vier Leute kamen rein. Damit war sein Plan endgültig gestorben, er murmelte noch was von „need a moment“ und stürmte raus.

Der Kaffeemann hatte in der Zwischenzeit zwei Iced Latte mit Erdbeer Flavor für ihn gemacht. Wer die getrunken hat, weiß ich nicht. Hoffentlich werden die nicht vom Trinkgeld abgezogen.

——

Bei einer meiner U-Bahn-Wartezeiten habe ich mich zu einem Mann gesetzt, neben dem plötzlich ein Platz frei wurde. Ich verstand schnell, warum. Er roch nach einer Mischung aus Schnaps und Bier, was um halb vier nachmittags nicht ganz der Geruch war, den ich erwartet hatte. Beim hinsetzen habe ich ihn leicht angestupst, worauf ich mich entschuldigte. Er grinste mich an, zeigte dabei viel Rachen und seine zwei Zähne (rechts und links unten), hielt mir seine knochige Hand hin – wir schlugen ein, like a bro. Darauf entstand folgendes Gespräch, das ich als Service mal übersetzt habe:

Zweizahnmann: Was liest du da?

Jonas: Forever von Pete Hamill. Ich zeige ihm das Cover. Es handelt von einem Mann, der unsterblich ist, solange er Manhattan nicht verlässt.

Z.: Das Leben ist hart. Ein hartes Leben ist das. Wo kommst du her?

Der dschörman accent scheint leicht rauszuhören zu sein.

J.: Deutschland.

Z.: Spielst du Tennis?

J. (verwirrt): Nein.

Z.: Aber du bist Schauspieler oder?

J. (etwas verwirrter): Nein. Wie kommen Sie darauf?

Z.: Du siehst aus wie ein Schauspieler. Du bist doch bestimmt hier, um Schauspieler zu werden. Gib es zu. Ich kenne auch einige Schauspieler.

Er fragte mich, ob ich Robert de Niro kenne. Weil ich damit rechnete, dass er mich jetzt nach einem Homie von ihm fragte und weil er außerdem stotterte verstand ich selbst nach zwölf Nachfragen nix. 

J.: No sorry, I don’t know him.

Frau rechts neben mir, die bislang mit Bubble Shooter beschäftigt war: U SERIOUS? ROBERT DE NIRO?

Ich verstand.

J.: Oh yes, I know him.

Z.: You germans. You play Tennis, right? Like this guy, whats his name? Beckham.

J.: Do you mean Becker?

Z.: Yes, Beckham. You are famous in Germany, right?

J.: No.

Z.: Man, you are. Can you sign this for me?

Er fängt an, in seiner Tasche rumzukramen. Ein Mann, der an der Tür lehnt, fängt an zu lachen, die Frau gegenüber schüttelt grinsend den Kopf.

J.: Man, I’m sorry, I’m not famous and I won’t be. Really.

Er hatte eine alte Serviette gefunden und suchte nun nach einem Stift. Auf mich hören wollte er nicht.

Ich zückte meinen Stift und unterschrieb seine Serviette. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der sich so darüber gefreut hat, „Jonas Jansen“ zu lesen. Jetzt mal abgesehen von den Geiern beim SZ-Aboservice.

Dann fiel ihm auf, dass er hier genau rauswollte an der Station. Wir hatten uns bis dahin keinen Zentimeter bewegt.

Ihm zuliebe würde ich jetzt gerne berühmt werden. Und ich sollte Tennisstunden nehmen.

—————

Ich war am Wochenende in Philadelphia. Um mir die Stadt anzuschauen und um einen meiner Lieblingsmusiker live zu sehen. Auf der Suche nach dem Club, der eigentlich Sonntags zu und außerdem kein Schild hat, bin ich in eine fancy Bar hineingegangen, die der Hausnummer nach eigentlich der Club sein sollte. Es ist neun Uhr abends, ich ahne, dass die Show noch nicht beginnen konnte, habe diese Uhrzeit aber als einzige Information.

Am Tresen sitzen Frauen in bunten Cocktailkleidern, die bunte Cocktails schlürfen, rechts von mir nippt ein Mann im Sakko an dem vierten Bier, das er besser nicht mehr hätte trinken sollen und durchs violette Licht summt leichter Loungeminimalpopfunk. Ich fühle mich unglaublich fehlplaziert, muss aber selber mein Anstands-Bier bestellen durch das ich die Information gewinnen kann, dass ich nur durch die Glastür links gehen muss, und dann die Treppe hoch. Aber erst um zehn.

Links neben mir setzt sich plötzlich ein Mann hin: Weißer Hut, goldene Ringe an drei Fingern jeder Hand, goldene Armringe, goldene Kette. Dazu eine beige Hose und ein beiges Hemd. Eingefallene Gesichtszüge, die Mundwinkel nach unten gezogen. Er sieht aus, als habe man ihm nach diesem Videodreh die Verkleidung nicht abgenommen.

Er sieht schlecht, richtet er dem Barkeeper aus, der ihm daraufhin die Karte vorliest. Der Pimp nimmt Miller Lite, das billigste Bier auf der Karte.

Die Bar ist eine, in der man nicht direkt bezahlen muss, vor allem wenn man am Tresen sitzt. Wer wie ich nur ein Getränk nimmt wird bis zum Trinkgeld ohnehin komisch angeschaut. Aber nicht, wenn man güldene Ringe trägt.

Vor seinen Ringen stehen Einmachgläser mit eingelegten Kirschen drin. Der blinde Pimp nimmt eins davon, versucht den Deckel abzumachen. Es gelingt ihm nicht ganz. Beim hochheben tropft ihm dennoch die ganze klebrige Suppe über die Hände. Prüfender Blick nach links (die Cocktail-Damen sind mit ihren Wasabi-Nüssen beschäftigt). Ein Blick nach rechts (der weiße Junge schaut konzentriert auf sein eigenes Bierglas). Stellt das Einmachglas zurück, wischt sich die Finger an der Serviette ab.

Er steht auf und geht. Das Bier ist leer, keine fünf Minuten sind vergangen seit er die Schwelle überschritten hat. Dass er bezahlt hat, habe ich nicht mitbekommen.

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